
Da ich selbst gerade die Schrift von Prof. Dr. Walter Frank lese: „Höre Israel! Studien zur modernen Judenfrage“ und auch über dieses Werk einen Beitrag schreiben will, ist es zwingend notwendig, die Schrift von Rathenau zu kennen.
Rathenau geht hier mit seinen Stammesgenossen hart ins Gericht, gerade in Bezug auf die jüdische Emanzipation. Es ist zu bedenken, dass Rathenau nicht irgendeiner war: Er selbst war im Kaiserreich für die Kriegsrohstoffe zuständig. Und noch wichtiger ist die Tatsache, dass Rathenau neben Siemens in der Industrie ein großer Name war. Zudem agierte Walther Rathenau wie sein Vater im Komitee der 300, also gehörte dieser Familienclan zu einer der mächtigsten in der Welt.
Wenn deshalb einer der mächtigsten Menschen sich gegen die jüdische Emanzipation ausspricht, oder besser gesagt, wenn ein Jude den Emanzipations(un)willen seiner Leute kritisiert, sollte man diese Schrift lesen!
Leider hat die jüdische Elite alles dafür getan, diese Schrift zu vertuschen, weshalb es schwierig ist, an Rathenaus Worte heranzukommen.
Bis jetzt!!
Höre, Israel!
Ein Artikel von W. Hartenau, d.i. Walther Rathenau,
erschienen in Maximilian Hardens Zeitschrift Die Zukunft,
Ausgabe vom 6.3.1897, 8, 454 ff.“Von vornherein will ich bekennen, dass ich Jude bin.
Bedarf es einer Rechtfertigung, wenn ich in anderem Sinne schreibe als dem der Judenvertheidi-
gung? Viele meiner Stammesgenossen kennen sich nur als Deutsche, nicht als Juden.
Einzelne, zumal solche, die, durch Beruf und Neigung veranlasst, weniger mit Ihresgleichen als
mit Stammesdeutschen zu schaffen haben, sind ehrlich genug, den Fahnen ihrer philosemitischen Beschützer nicht länger zu folgen.
Ihnen schließe ich mich an. Die Philosemiten pflegen zu verkünden: „Es gibt keine Judenfrage. Wenn die Juden ihr Land schädigen, so geschieht es durch unzulässige Handlungen Einzelner.
Hiergegen schaffe man Gesetze oder verschärfe die bestehenden.“
Sie haben nicht Unrecht. Die Beantwortung der wirtschaftlichen Frage ist Sache der Gesetzgebung.
Aber von der wirtschaftlichen Frage will ich nicht sprechen.
Drohender erhebt sich die gesellschaftliche, die Kulturfrage.
Wer ihre Sprachschilder; sie rumort in den Geschäftsräumen und Werkstätten; sie steigt die Vordertreppen der Häuser vorsichtig hinauf und kichert die Hintertreppen hinab; sie nistet in den Polstern der Eisenbahncoupés und präsidiert in den Wirtstafeln; sie spreizt sich auf den Kasernenhöfen und klopft an die Türen der Gerichtssäle.
Wer sucht ihr heute ernstlich die Antwort?
Dem Stammesdeutschen ist die Frage so zuwider wie der Gegenstand.
Er ist zufrieden, wenn das schwärzliche Volk ihm vom Leibe bleibt.
Um ihre Zukunft sich zu kümmern, hat es keine Veranlassung.
Gelingt die Assimilation doch kaum mit Polen und Dänen. Und was tut Israel, um vom Banne befreit zu werden? Weniger als nichts. Für Auserwählter als andere Leute haltet Ihr Euch freilich
nicht mehr, kaum noch für schlauer. Aber mit dem, was an Euch bleibt, deucht Ihr Euch über alle
Kritik erheben. Meint Ihr, der alte Stammesgott werde seinen König Messias senden, um Euch zu
helfen? Ach, es ist Euch nicht aufgefallen, dass er seit ein paar tausend Jahren sich mit Euch nichts
mehr zu schaffen gemacht hat!
Der Herr des Zornes und des Sieges hatte an einem Volke von Kriegern Gefallen; für ein Volk
von Krämern und Maklern interessiert er sich nicht.
Der auf Horeb und Zion‚ trohnte, zieht nicht nach der Rosenthalerstraße noch nach der Heidereutergasse. Ihr sprachet, Ihr Schlauen und Weltgewandten: „Wer den Reichthum besitzt, Der
hat die Macht.“ Nun habt Ihr den Reichthum, und Eure Reichen sind weniger geachtet als Eure Armen. Eure Redekunst war eitel’und Eure Agitation um sonst. Vereine habt Ihr gegründet, zur
Abwehr anstatt zur Einkehr. Den Besten unter Euch habt Ihr das Leben zuwider gemacht, so dass sie Euch den Rücken kehrten, und als sie abtrünnig wurden, habt Ihr nichts vermocht, als sie zu
verwünschen: daher kommt es, dass es Ihnen gut geht. Schreiet nicht nach Staat und Regierung.
Der Staat hat Euch zu Bürgern gemacht, um Euch zu Deutschen zuerziehen. Ihr seid Fremde
geblieben und verlangt, er solle nun die volle Gleichberechtigung aussprechen?
Ihr redet von erfüllten Pflichten: Kriegsdienst und Steuern.
Aber hier war mehr zu erfüllen als Pflichten, nämlich Vertrauen. Man spricht viel vom Rechte des
Schwächeren; dies Recht besteht, aber es läßt sich nicht ertrotzen.
Keinen Stein wird man Euch wegräumen und keinen Schritt ersparen. Wollt Ihr aber, in Eure Stadtviertel verschanzt, weiter mit falschen Märtyrerkronen stolziren, nur zu, man wird Euch
nicht wehren. Doch ich weiß: es sind Einzelne unter Euch, die es schmerzt und beschämt,
Fremde und Halbbürger im Land zu sein, und die sich aus der Ghettoschwülein deutsche
Waldes- und Höhenluft sehnen. Zu ihnen allein spreche ich. Mögen die Anderen, so Viele oder
Wenige mich hören, ihres tausendjährigen Rechtes gedenken, zu verfolgen und zu verhöhnen,
die ihnen helfen wollen. Ihr aber, Ihr Minderzähligen, habt die schwere Aufgabe, die Abneigung
Eurer Landesgenossen zu versöhnen, Ihr, die Ihr doch -verzeiht mir! — so wenig geschaffen seid,
Euch Freunde zu machen. Dennoch wird es gelingen; und die Enkel der Indifferenten von heute werden Euch folgen. Ihr fragt, ob ich Euch etwa zum Christenthum zu bekehren denke? Gewiß
nicht.
„Zu dem Prediger in der Wüsten, Wie wir lesen im Evangelisten, Kamen auch die Soldaten gelaufen, Thaten Buße und ließen sich taufen.“ Als ich jüngst ein Verzeichnis der Mitglieder der
jüdischen Gemeinde zu Berlin in die Hände bekam, machte es mir Freude, die altbekannten Na-
men zu durchblättern. Ja, die alten Freunde leben noch; die ganze altgläubige Zoologie, Mineralogie und Botanik ist vollzählig.
Aber von der jüngeren Generation fand ich keinen Bekannten.
Alle sind sie nicht als Soldaten, sondern vorher getauft worden und mögen jetzt samt und
sonders Regirungsbeamte und Lieutenants sein. Warum auch nicht?
Zwischen dem Deismus eines liberalen evangelischen Geistlichen und dem eines aufgeklärten
Rabbiners besteht kein Unterschied.
Die christliche Sittenlehre ist dem gebildeten Judenthum heute so selbstverständlich, daß
man sich einredet, sie lasse sich aus dem Alten Testament abstrahiren. Eine Religion-
und Gewissenssache ist also der Übertritt in den meisten Fällen nicht mehr. Bei den ältesten
und reichsten Familien jüdischer Abstammung ist er teilweise schon vor Jahrzehnten
erfolgt.
Oft erinnerten den Glauben der Väter nur noch ein gewisser ironischer Atavismus des
Äußeren, eine Malice Abrahams.
Aber ein Ende der Judenfrage ist die Taufe nicht. Wenn auch der Einzelne durch die Lossagung
sich bessere Existenzbedingungen schaffen kann: die Gesamtheit kann es nicht.
Denn würde die Hälfte von ganz Israel bekehrt, so könnte nichts Anderes entstehen als
ein leidenschaftlicher „Antisemitismus gegen Getaufte“, der durch Schnüffeleien
und Verdächtigungen auf der einen, durch Renegatenhaß und Verlogenheit auf der anderen
Seite ungesunder und unsittlicher wirken würde als die heutige Bewegung. Die zurückgebliebene
Hälfte aber, ihrer Spitzen beraubt, würde zu einer bildungsunfähigen Masse zusammenschrumpfen. Es würde bei dieser Art der Aussonderung viel gutes Metall, vielleicht das beste, in die Schlacke gehen, denn gerade die Feinfühligsten entschließen sich zu einem ideellen Schritt am
.Schwersten, so lange ein materieller Vorteil häufig untrennbar damit verknüpft ist.Was also muß geschehen? Ein Ereignis ohne geschichtlichen Vorgang: die bewußte Selbsterziehung
einer Rasse zur Anpassung an fremde Anforderungen. Anpassung nicht im Sinne der „mimiery“
Darwins, welche die Kunst einiger Insekten bedeutet, sich die Lokalfarbe ihrer Umgebung anzugewöhnen, sondern eine Anartung in dem Sinne,daß. Stammeseigenschaften, gleichviel ob
gute oder schlechte, von denen es erwiesen ist, dass sie den Landesgenossen verhaßt sind,
abgelegt und durch geeignetere ersetzt werden. Könnte zugleich durch diese Metamorphose
die Gesamtbilanz der moralischen Werte verbessert werden, so wäre Das ein erfreulicher Erfolg.
Das Ziel des Prozesses sollen nicht imitirte, sondern deutsch geartete und erzogene Juden sein.
Und zwar wird sich zunächst ein Zwischenstand bilden müssen, der, von beiden Seiten anerkannt,
ein Trennungs- und Verbindungsglied zwischen Deutschthum und Stockjudenthum vorstellt:
ein jüdisches Patrizierthum nicht des Besitzes, sondern der geistigen und körperlichen Kultur.
Dieser Stand wird durch seine Wurzeln von unten herauf immer neue Nahrung aufsaugen und
mit der Zeit Alles verarbeiten, was an umwandlungfähigem und verdaulichem Material vorhanden
ist. Wenigen außen Stehenden ist es bekannt, dass ein Patrizierthum unter den Juden schon vorhanden ist und, ihren höchst konservativen Neigungen gemäß, bereitwillig anerkannt wird.
Weit weniger, als man gemeinhin glaubt, wird der Begriff guter Familie von altem oder
jungem Reichthum verdunkelt und es stehen eben so viele ganz arme Häuser in
hohem Ansehen, wie steinreiche nicht für voll gelten, obwohl sie mit dem echten Landesadel Fühlung haben. Dieser Zwischenstand, der schon jetzt eine strenge Selbsterziehung übt,
würde mit besserem Erfolg nach unten hin wirken, wenn nicht, durch Verhältnisse veranlaßt, die ich
weiterhin erwähnen werde, der Prozeß der Loslösung einzelner Theile beständig vor sich ginge.
Aber auch in der breiteren Masse dämmert eine gewisse Selbtserkenntniß und es ist erfreulich,
daß auch dort die Benennung „jüdisch“ für persönliche Eigenschaften und Handlungsweise eine kompromittirende Färbung angenommen hat. Einmal hörte ich, als von einem Manne gesprochen worden ist, der seiner Laufbahn wegen sich hatte taufen lassen, wie ein Stammesgenosse sein Urtheil in die Worte zusammenfaßte: „Gott, wie jüdisch!“ Selbsterziehung — Selbsterkenntniß! Ich muß an die Geschichte von der häßlichen Gutchen Rothschild denken. Als sie in der Judengasse zu Frankfurt am Main vor ihrer Hausthür saß, kam ein Schnorrer und bettelte sie an. Sie gab ihm nichts, weil sie geizig war, und er hielt ihr folgende Strafpredigt: „Wenn die jüdischen Mädchen häßlich sind, so heißt man sie Schönchen, und wenn sie bös sind, so heißt man sie Gutchen. Du heißest Gutchen, weil Du noch viel böser bist, als Du häßlich bist, – nu sieh Dir im Spiegel, wie
bös Du mußt sein!“ Seht Euch im Spiegel! Das ist der erste Schritt zur Selbstkritik. Leider ist
nichts daran zu ändern, daß Ihr einander zum Erschrecken ähnlich seht und daß daher jedes Einzelnen Unart auf die Rechnung Aller gesetzt wird. Auch hilft es nicht, festzustellen, daß Eure südöstlich gestimmte Erscheinung an sich für die nördlichen Stämme nichts Sympathisches hat. Um so mehr habt Ihr zu sorgen, daß inmitten einer militärisch straff erzogenen und gezüchteten Rasse Ihr Euch durch verwahrlost schiefes und schlaffes Einhergehen nicht zum Gespött macht. Habt Ihr erst Euren unkonstruktiven Bau, die hohen Schultern, die ungelenken Füße, die weichliche Rundlichkeit der Formen, als Zeichen körperlichen Verfalles erkannt, so werdet Ihr einmal ein
paar Generationen lang an Eurer äußeren Wiedergeburt arbeiten. Ihr werdet es so lange aufschieben, die Trachten der hageren Angelsachsen zu parodiren, in denen Ihr ausseht, wie wenn ein Teckel einen Windhund kopirt; Ihr werdet nicht am Strande durch Seemannskleider, in den Alpen durch
Wadenstrümpfe die Natur rebellisch machen. Wie in Palästina das Volk Israel ausgesehen hat, weiß ich nicht — die Zeitgenossen scheinen seine Art von Schönheit nicht goutirt zu haben -, aber so viel ist gewiß, daß zweitausend Jahre Elend ihre Spuren zu tief einbrennen, als daß sie sich mit Eau de
Cologne abwaschen lassen.Haben doch in jener Zeit die Weiber das Lächeln verlernt; ihr Lachen ist grell und unfroh und ihre Schönheit schwermüthig geworden. Verstündet Ihr diese seltene und fremdartige Schönheit, so würdet Ihr sie nicht ersticken in Ballen von Atlas, Wolken von Spitzen
und Nestern von Brillanten. Die Formen des Verkehrs unter urbanen Menschen kennt Ihr oberflächlich, aber Ihr versteht sie nicht. Wenn Ihr sie hervorkramt, natürlich nur bei besonderen
Gelegenheiten, denn untereinander lohnt es nicht, habt Ihr eine artige Manier, Eure Unkenntniß
hinter einer gewissen ironisirenden Schalkhaftigkeit zu verstecken. Auch mit der Kunst der Sprache
ist es nicht weit her. Ihr habt zwar den deutschen Wörterschatz um die Interjektionen „Kunststück!“ „Kleinigkeit!“ „Zustand!“ und manche andere bereichert; Das hindert nicht, dass man es störend
empfindet, wenn man in der Unterhaltung abwechselnd mit der Anrede „Sehr geehrter Herr“
und der Frage: „Verstehen sie mich?“ bedacht wird. Zwischen wedelnder Unterwürfigkeit
und schnöder Arroganz findet Ihr schwer den Mittelweg. Selbstbewußtsein ohne Anmaßung
läßt sich freilich nicht anlernen; nur Der erwirbt es, der sich als Niemandes Gläubiger
noch Schuldner fühlt. Dazu plagt Euch ein maßloses Streben, zu repräsentiren.
Könntet Ihr Euch einmal mit fremden Augen sehen, Ihr Sportsmänner auf dem Kutscherbock,
Ihr Mäzenaten in den Ateliers, Ihr Vereinsvorstände auf der Rednerbühne! Ihr, die Scharfschützen
der Beobachtung und des Sarkasmus, welche Vergleiche fändet Ihr heraus! Aber, nicht wahr, lieber
Leser und Glaubensgenosse: Das trifft zwar bei den Anderen zu, doch Du selbst bist ganz anders?!
Freilich steht Euch heute keine Bahn offen, auf der Euer unbändiger Ehrgeiz sich ausgallopiren kann. Als Rechtsanwalt, Kaufmann und Arzt besteigt man den kurulischen Stuhl
[Amtssessel der höchsten römischen Beamten] nicht.
Das ehrliche Bewußtsein eines ehrlichen Werthes ist heute das einzig Erstrebenswerthe, das
ein Jude erreichen kann. Aber Das muß Euch genügen. Darum drängt Euch nicht nach kargen Auszeichnungen, selbst wenn Ihr glaubt, ein Anrecht darauf zu haben. Ein reicher jüdischer Bankier zu sein, ist an sich keine Schande; aber der Elephantenorden von Honolulu der das
Konsulat von Kamtschatka kann daran nichts bessern. Haltet Euch in bürgerlichen Schranken und
Ihr werdet Euch nicht über die zunehmende Kurzsichtigkeit der Bevölkerung zu wundern haben,
wenn die Freunde, die gestern bei Euch zu Tisch waren, Euch heute auf der Straße nicht wieder-erkennen. Ihr beklagt Euch, dass man an Eurer Unterhaltung kein Gefallen findet.
Eure Konversation ist ein Kampf. Den Partner zu „unterhalten“, durch selbst mittheilen und Teilnehmen zu erfreuen, ist nicht die Absicht: man sucht durch Superlative, durch grauenhafte Uebertreibungen und, wenn Alles nicht hilft, durch stimmliche Kraftentfaltung ihn mundtot zu machen. Würde auf den Rekord der Redensarten: „ich für meine Person“ und „meiner Ansicht nach“ verlangt ja Niemand von Euch so Etwas wie Gemüth; was dem ähnlich sah, habt
Ihr mit manchem anderen Gut in den Ghettos gelassen. Eure Väter waren in ihrer Frömmigkeit
gemüthvoll: Ihr seid aufgeklärt und witzig. Aber Ihr sollt die Seele und das Gemüth Eurer Landesgenossen begreifen und ehren, anstatt sie durch vorlautes Urtheil und frivole Ironie zu verlet-
zen. Worte sind die Waffen der Schwachen; wehe Dem, der mit vergifteten Pfeilen kämpft.
Man wird Euch den Vorwurf machen, international zu sein, so lange Ihr mit allen ausländischen
Cohns und Levys versippt und verschwägert seid. Laßt all die exotischen Vettern und
Basen, die trotz ihrem Leugnen in Paris, New-York oder Budapest vielleicht mißliebiger sind
als Ihr hierzulande, bleiben, wo sie sind. Renommirt nicht mit ihren Ansichten und Manieren
und schämt Euch nicht, wenn Eure Kinder früher deutsch als französisch sprechen lernen. Wer sein
Vaterland liebt, Der darf und soll ein Wenig Chauvinist sein.
Brüstet euch nicht mit Mildtätigkeit. Bei Euch ist sie keine Tugend, denn Jeder ist mitleidig, dem
es schlecht geht. Wahres Mitgefühl aber ist schamhaft, und wer es zur schau trägt,
prostituirt sich.
Ob Ihr den Thaler bei unserem Herrgott anlegt oder dafür ein Billet zum Residenztheater
kauft, ist Privatsache und interessiert keinen Anderen.
Die Eigenschaften der Gesinnung, die für jeden Vorkämpfer und Erzieher Vorbedingung sind,
bleiben hier, als nicht eigentliche Stammesfragen, unerwähnt. Ein Selbstbekenntniß der
spezifischen Mängel wollte ich beginnen; es zu erschöpfen, wird mir schwer, da ich selbst
mich von solchen Fehlern nicht frei weiß. Mögen sie ausgesprochen und wiederholt werden,
bis kein Ohr sich mehr ihnen verschließen kann: dann endlich wird das Unzulängliche Ereigniß werden. Und habt Ihr erst mit ganzer, opferwilliger Kraft begonnen, an der „Lösung“ der großen Frage zu arbeiten, so mögt Ihr auch an die Thore des Staates klopfen: und sie werden sich öffnen.
„Jude ist Jude“: Das ist heute der einfache Grundsatz des Staates. Strikt und ohne Ausnahme wird
die Ausschließung aus Heer, Verwaltung und Hochschulen durchgeführt.
Das Ziel: der Verjudung des öffentlichen Wesens entgegenzuarbeiten, ist berechtigt. Den
erwählten Weg vom sittlichen Standpunkt zu prüfen, habe ich keine Veranlassung.
Von der Aussperrung ausgenommen sind alle Getauften.
Von dem Augenblick an, da ihr Name in das Kirchenregister eingetragen ist,
steht ihnen Jede Laufbahn bis zu den höchsten Gipfeln offen. Dieser Widerspruch läßt
sich nicht beseitigen, ohne dass endlose Familienforschung und unaufhörliche.
Verdächtigung überhand nehmen, wie es gelegentlich schon jetzt vor kommt,
da semitisches Blut in germanischen Adern verbreiteter ist, als man gemeinhin glaubt.
Man hat angestrebt, den Uebertritt zu erschweren oder eine Respektszeit einzuführen,
vergeblich: von Jahr zu Jahr mehren sich die Fälle. Aber was nützt es denn, wenn
der Mann den Bußtag statt des Versöhnungstages heiligt?
Das Leiden ist nicht geheilt, weil die Symptome unterdrückt sind. Auf der anderen Seite ist
es nicht zu verwundern, wenn jüdische Staatsbürger, vor die Wahl gestellt,auf Bethätigung
im öffentlichen Leben zu verzichten oder sich von den Heilslehren der christlichen Kirche
überzeugen zulassen, keinen anderen Ausweg finden, als sich den politischen Parteien
zuzuwenden, die rückhaltlos für ihre Gleichstellung eintreten: Sozialismus und Freisinn.
Daß eine andere als diese Gemeinschaft zwischen kultivirtem Judenthum und negirenden
Strömungen besteht, ist eine Fabel. Das heutige System bedeutet: eine riesige Prämie auf den
Uebertritt, die Beförderung der latenten Verjudung und eine gewaltsame Stärkung der de-
struktiven Parteien. Wenn die Zahl der Uebertretenden und die Zahl der Staatsgegner diesen Verhältnissen noch nicht adäguat’ist, so ist Das vielleicht das Beste, was dem Judenthum überhaupt nachgesagt werden kann. Von den Vertretern des Staates darf man heute eine genauere Kenntnis
der gesellschaftlichen Verhältnisse des Judenthumes nicht erwarten.
Die Kreise, mit denen sie amtlich in Berührung kommen, sind hauptsächlich die der Finanz. Bei
den Juden findet man es naturgemäß, die Reichsten zugleich für die Besten zu halten, und wenn
schon sie allerhand Unzulänglichkeiten zeigen, auf den Rest afortiori zu schließen.
Von den Einflußreichsten des Landes darf man behaupten, dass ihre Kenntnis des
Judenthumes sich auf Pferdehändler, Bankiers und Kornmakler nebst den Informationen berufsmäßiger Interpreten der Judenfrage beschränkt. Die kultivirtesten deutschen
Juden bleiben umso unbeachteter, als sie es für ihre Pflicht halten, die Aufmerksamkeit von
sich abzulenken. Außerdem werden sie, weil sie dem typischen Begriff nicht
mehr entsprechen, meist nicht für Juden gehalten, und wenn sie sich bemüßigt sehen, sich zu erkennen zu tet man sie mit unverhohlenem, fast ungläubigem Erstaunen. Gern setzen sie sich
dieser Lage nicht aus, denn es ist ihnen bekannt, welche ängstliche Scheu in Kreisen, die einer
Führungskontrolle unterliegen, vor „jüdischem Verkehr“ besteht.
Eine Scheu, die soweit führt, dass jüdische Eigennamen niemals ohne eine
gewisse ironisirende Betonung ausgesprochen werden. Man sagt: „Im Erdgeschoß dieses
Hauses wohnt Herr Wilhelm Schulze und im ersten Stock‚ein’ Herr Simon.“ Aber in dem
Maße, wie der Kreis der Kultur sich erweitert, wird es für den Staat eine Pflicht, von dem
Grundsatze „Jude ist Jude“ abzugehen und mit der Erkenntnis, dass auch innerhalb des
Judenthumes Unterschiede und Abstufungen bestehen, sich zu befassen.
Man mag die strengste Prüfung der Herkunft, der Gesinnung, sogar des äußeren
zur Vorbedingung machen und die schärfste Beaufsichtigung der Führung walten lassen,
aber die grundsätzliche, ausnahmelose Aussperrung muß aufhören. Gäbe es nur eine
Handvoll jüdischer Beamten und Offiziere und sollten unter einer halben Million
Menschen sich nicht so viele Gerechte finden lassen wie in Sodom und Gomorrah?
-, so würde die jüdische Bevölkerung empfinden, dass der Staat aus der Judenfrage
nicht eine Frage des Glaubens, sondern der Erziehung macht, sie würde nicht aus
politischer Hoffnungslosigkeit sich der berufsmäßigen Opposition zuwenden oder gezwungen
sein, das widerwärtige und unsittliche Bild assoziirter Interessen- und Glaubensbegriffe beständig
sich vor Augen zu halten. Es würde vielmehr die Menge sich an den wenigen Auserwählten
messen und in ihnen ein greifbares Ziel der Selbsterziehung erblicken.
Gerechtigkeit schuldet der Staat selbst seinen verlorensten Söhnen;
seine Weisheit muß es verhüten, dass in den Seelen gerade der Besten dieses unglücklichen
Stammes ein Funke koriolanischen Zornes sich entfache.,W. Hartenau.
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